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Vom Liebeswahn getrieben

Zitat von Kieler Nachrichten vom 09.06.2007:
Vom Liebeswahn getrieben

Kiel – Meist sind es Prominente, die zum Wunschobjekt aufdringlicher Verehrer werden, wobei unerwünschte Zuneigung sich mit wachsender Dauer und Hartnäckigkeit schnell zur Bedrohung steigern kann. Im jetzt vor dem Kieler Landgericht verhandelten Fall von extremem „Stalking“ war es eine Kieler Studentin, die vor vier Jahren ins Fadenkreuz eines vom Liebeswahn Getriebenen geriet.

Der 43-jährige Mann, so ein psychiatrisches Gutachten, stellt eine Gefahr für die Allgemeinheit dar. Das Gericht ordnete seine Einweisung in die geschlossene Psychiatrie in Neustadt an. Der Vorfall, der im Mittelpunkt des Prozesses stand, spielte sich im Juni 2003 in einer Kieler Wohngemeinschaft ab. Die damals 27-jährige Studentin wollte sich mittags etwas zu essen machen, als der neue Mitbewohner zu ihr in die Küche kam. Der Gelegenheitsgärtner zog ein langes Brotmesser aus der Schublade, setzte sich vor die Tür und forderte sie auf, sich zu entkleiden. Das Messer richtete er als Druckmittel gegen sich selbst und drohte aus dem Fenster zu springen, als die Zeugin sich weigerte.

Als die Studentin flüchten wollte, wurde sie zurückgerissen. Das Messer konnte sie aus dem Fenster werfen, doch bei einem zweiten Fluchtversuch packte sie der Mann am Hals, zerrte an ihrem T-Shirt und starrte ihr penetrant auf die Brust. Erst nach drei Stunden durfte sie gehen – mit einer Fingerprellung, Rötung und einem Kratzer am Hals körperlich nur leicht verletzt, seelisch jedoch bis ins Mark erschüttert.
Noch am selben Tag zog die Zeugin aus, lebt seitdem in Angst vor einem Wiedersehen. Ihr Studium brach sie ab. Auch sie leidet laut ärztlichem Attest seit der Kindheit an einer psychischen Störung, ist emotional instabil und depressiv. Wahrscheinlich sah der Angeklagte, der nie eine Freundin hatte, in ihr eine Seelenverwandte. Ihre einzige Hoffnung war, sich im Lauf der Jahre äußerlich so zu verändern, dass er sie eines Tages nicht mehr erkennen würde. Inzwischen soll es zu zwei kurzen, undramatisch verlaufenen Zufallsbegegnungen gekommen sein.

Weil er die neue Adresse seiner Angebeteten nicht ausfindig machen konnte, schickte der nicht vorbestrafte Mann seine Liebesbriefe an die Eltern und die Anwältin des Opfers. Das Gerichtsverfahren – letzte Brücke zum Objekt seiner Begierde – hielt er in Gang, indem er wiederholt untertauchte, bis es Anfang des Jahres zum ersten Prozessanlauf vor dem Amtsgericht kam.

Dort erst offenbarte sich den Behörden die ganze Brisanz des Falles: Während der Verhandlung versuchte der Angeklagte sich aus dem Fenster zu stürzen, wurde festgenommen und vorläufig eingewiesen. Über die Dauerhaftigkeit der Maßregel hatte nun die VII. Große Strafkammer zu entscheiden. Die eigentliche Strafe – neun Monate Haft wegen Freiheitsberaubung, Nötigung und Körperverletzung – spielte dabei nur eine untergeordnete Rolle.

Die Hoffnung des Angeklagten, die Vergötterte im Gerichtssaal wieder zu sehen, erfüllte sich nicht. Mit Rücksicht auf die Gesundheit der Nebenklägerin musste er während ihrer Vernehmung den Saal verlassen. Dem Prozess hatte er entgegengefiebert, als ginge es um sein Leben. Während der achtstündigen Verhandlung blieb er an Händen und Füßen gefesselt – eine bis in die Fingerspitzen gequälte Seele, deren innere Spannung sich in lautem Knacken beständig ringender Hände entlud.

Wenn der Mann nach Abschluss des Verfahrens vielleicht seine von ihm selbst als „Alptraum“ für die Zeugin bezeichnete Fixierung ablegt, besteht aus ärztlicher Sicht die Gefahr, dass er sogleich das nächste weibliche Opfer als Projektionsfläche für seine wahnhaften Sehnsüchte findet.

Von Thomas Geyer
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